Warum Struktur lernwirksamer ist als fünf Arbeitsblätter
Differenzierung gehört zu den zentralen didaktischen Prinzipien im Unterricht – und gleichzeitig zu den am meisten missverstandenen.
Für viele Lehrkräfte ist der Begriff fest verbunden mit zusätzlicher Vorbereitung, Materialvielfalt und dem Gefühl, jedem Kind etwas Eigenes liefern zu müssen.
Doch genau hier liegt ein Denkfehler.
Differenzierung ist kein Materialproblem
In der Praxis wird Differenzierung häufig mit der Anzahl an Arbeitsblättern gleichgesetzt:
ein leichtes, ein mittleres, ein schweres – ergänzt durch Förder- und Zusatzmaterial.
Das Ergebnis ist oft keine bessere Lernwirksamkeit, sondern Überforderung auf beiden Seiten: bei Lehrkräften wie bei Schüler:innen.
Lernwirksamkeitsforschung zeigt jedoch sehr deutlich, dass nicht Materialvielfalt, sondern Struktur, Zielklarheit und Feedback entscheidend für erfolgreiches Lernen sind.
Überindividualisierung – gut gemeint, aber problematisch
Der Bildungsforscher John Hattie warnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich vor Überindividualisierung.
Gemeint sind Lernsettings, in denen alle Kinder dauerhaft an unterschiedlichen Aufgaben, mit unterschiedlichem Material und ohne gemeinsamen Lernfokus arbeiten.
Solche Settings erschweren:
- gezieltes Feedback,
- gemeinsame Reflexion,
- Orientierung am Lernziel,
- und soziales Lernen.
Differenzierung darf daher nicht zur Vereinzelung führen.
Was Lernwirksamkeitsforschung stattdessen zeigt
Wirksamer Unterricht zeichnet sich laut Forschung u. a. durch folgende Merkmale aus:
- klare Lernziele und Erfolgskriterien,
- strukturierte Lernumgebungen,
- kognitive Aktivierung,
- regelmäßiges, prozessbezogenes Feedback,
- gemeinsame Lern- und Reflexionsphasen.
Eine gut durchdachte Aufgabe mit offenen Zugängen kann stärker differenzieren als mehrere Arbeitsblätter auf verschiedenen Niveaus.
Motivation braucht Beziehung, Kompetenz und Orientierung
Auch motivationspsychologische und neurobiologische Perspektiven stützen diese Sicht.
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan zeigt, dass nachhaltiges Lernen dann entsteht, wenn Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit zusammenkommen.
Gerald Hüther betont ergänzend: Lernen ist ein Beziehungsprozess.
Kinder lernen nicht besser durch mehr Material, sondern durch Sinn, Sicherheit und Orientierung.
Differenzierung durch Struktur – nicht durch Zettelwirtschaft
Ansätze wie das Churer Modell oder auch die Vorgaben des Rahmenlehrplans Brandenburg setzen genau hier an:
Differenzierung innerhalb gemeinsamer Lernprozesse, mit klaren Strukturen, offenen Aufgaben und unterschiedlichen Zugängen.
Das bedeutet:
- ein gemeinsames Lernziel,
- ein gemeinsames Thema,
- aber unterschiedliche Wege dorthin.
Ein Material – viele Lernwege.




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