Lob gehört für viele von uns ganz selbstverständlich zum pädagogischen Alltag.
Es ist schnell gesagt, klingt positiv und fühlt sich erst einmal gut an – für Lehrkräfte und für Kinder.
Aber was wäre, wenn genau dieses Lob manchmal das Lernen behindert?
Wenn es ungewollt Druck erzeugt, Vergleiche verstärkt oder Kinder abhängig macht von äußerer Bestätigung?
In diesem Beitrag schauen wir auf drei Begriffe, die im Schulalltag häufig durcheinandergeraten – Lob, Wertschätzung und prozessbezogenes Feedback – und darauf, wie aktuelle Forschung (Dweck, Hattie) und reformpädagogische Ansätze uns helfen können, Rückmeldungen lernwirksamer und kindgerechter zu gestalten.
1. Warum Lob nicht immer das tut, was wir denken
Lob ist eine wertende Rückmeldung von außen.
Sätze wie:
- „Toll gemacht!“
- „Du bist so schlau.“
- „Super Note!“
klingen positiv – doch sie verändern oft nicht das Lernen, sondern lediglich das Verhalten.
Was passiert beim klassischen Lob?
👉 Kinder richten ihren Blick auf die Bewertung, nicht auf den Lernprozess.
👉 Sie fragen: „War das gut?“ statt „Was habe ich gelernt?“
👉 Lob kann Leistungsdruck erzeugen – besonders bei Kindern, die viel Wert auf Anerkennung legen.
👉 Und: Lob kann ungewollt soziale Vergleiche verstärken.
Besonders riskant ist sogenanntes Personenlob („Du bist schlau.“).
Die Forschungsstudien von Mueller & Dweck (1998) zeigen deutlich:
Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden, vermeiden anschließend schwierige Aufgaben und geben schneller auf.
Warum?
Weil ein Fehler plötzlich kein Lernschritt mehr ist – sondern eine Bedrohung ihrer Identität.
2. Wertschätzung: die Basis für echtes Lernen
Wertschätzung wird oft mit Lob verwechselt – dabei ist es genau das Gegenteil.
Wertschätzung bewertet nicht.
Wertschätzung sieht.
Sie vermittelt einem Kind das Gefühl:
- „Du bist wichtig.“
- „Du wirst ernst genommen.“
- „Du darfst Fehler machen.“
- „Du darfst Zeit brauchen.“
Wertschätzung wirkt auf der Beziehungsebene – unabhängig von Leistung, Tempo oder Ergebnissen.
Sie ist der Boden, auf dem Kinder sich sicher genug fühlen, Fehler zu riskieren, Neues auszuprobieren und sich über sich selbst hinaus zu entwickeln.
Ohne Wertschätzung keine echte Fehlerkultur.
Ohne Fehlerkultur kein Lernen.
3. Prozessbezogenes Feedback: der Motor des Lernens
Während Lob bewertet und Wertschätzung trägt, ist prozessbezogenes Feedback das Werkzeug, das Lernen anleitet.
Es beantwortet die Fragen:
„Wie bist du vorgegangen?“
„Welche Strategie hat dir geholfen?“
„Was könntest du beim nächsten Mal ausprobieren?“
„Woran würdest du erkennen, dass du weitergekommen bist?“
Warum ist das so wirksam?
Laut John Hattie gehört prozessbezogenes Feedback zu den stärksten Einflussfaktoren auf die Lernentwicklung (Effektstärke ca. d = 0,70).
Es…
- stärkt Metakognition (Kinder verstehen ihr Denken),
- fördert Selbstwirksamkeit (Ich kann das beeinflussen!),
- unterstützt den Aufbau von Strategiekompetenzen,
- macht Lernen sichtbar und steuerbar.
Kurz gesagt:
Feedback verändert Lernen.
Lob nicht.
4. Growth Mindset: Was die Forschung wirklich sagt
Viele kennen den Begriff Growth Mindset, aber häufig wird er missverstanden.
Growth Mindset bedeutet nicht:
„Sei einfach motivierter!“
oder
„Streng dich mehr an!“
Growth Mindset bedeutet:
Fähigkeiten sind entwickelbar – durch Strategien, Übung, Anpassungen und Rückmeldungen.
Kinder mit einem Growth Mindset…
- zeigen mehr Ausdauer,
- wählen häufiger herausfordernde Aufgaben,
- betrachten Fehler als Lerninformationen.
Studien (u. a. Gunderson et al., 2013) zeigen, dass prozessbezogenes Feedback zentral dafür ist, ein solches Mindset aufzubauen.
Wichtig ist allerdings:
Growth Mindset ist kein Wundermittel.
Meta-Analysen (Sisk et al., 2018) zeigen nur dort beeindruckende Effekte, wo Mindset-Arbeit mit guten Lernstrategien und echter Feedbackkultur verbunden ist.
5. Warum Reformpädagogik bewusst weniger lobt
Reformpädagogische Schulen wie Montessori, Jenaplan, Waldorf oder demokratische Schulen setzen seit Jahrzehnten auf Rückmeldungen, die ohne klassische Bewertung auskommen.
Sie arbeiten mit:
- beschreibender Rückmeldung,
- Selbstkontrolle des Kindes,
- Kinderkonferenzen,
- Entwicklungsberichten.
Warum?
Weil Motivation intrinsisch bleiben soll – nicht abhängig von Sternchen, Smilies oder Lobmustern.
Maria Montessori formulierte es so:
„Das Kind soll die Zufriedenheit aus der Arbeit selbst ziehen – nicht aus dem Urteil der Erwachsenen.“
Damit ist Montessori erstaunlich nah an dem, was die moderne Lernforschung heute bestätigt.
6. Was heißt das für unseren Unterricht?
Hier sind konkrete Alternativen, die du sofort einsetzen kannst:
Statt:
„Super gemacht!“
Besser:
„Welche Strategie hat dir heute geholfen?“
„Wie bist du weitergekommen, als es schwierig wurde?“
Statt:
„Tolle Note!“
Besser:
„Woran merkst du selbst, dass du das Thema verstanden hast?“
„Was würdest du einem Kind erklären, das noch unsicher ist?“
Statt:
„Du bist schlau!“
Besser:
„Du hast deine Strategie verändert, als du gemerkt hast, dass etwas nicht passt.“
„Du hast deinen Fehler gefunden, weil du gründlich überprüft hast.“
7. Fazit: Lob ist nicht falsch – aber zu wenig
Lob ist nicht der Feind.
Aber es ist oft die einfachste Form von Rückmeldung – und die weniger wirksame.
Wenn Kinder nachhaltig lernen sollen, brauchen sie:
✨ Wertschätzung – als sichere Beziehung
✨ Feedback – als Orientierung
✨ Growth Mindset – als Haltung
✨ Fehlerkultur – als Lernraum
Oder in einem Satz:
Lob bewertet.
Feedback informiert.
Wertschätzung trägt.
Und genau dort entsteht echtes Lernen.




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