Wie das Leseband wirklich helfen kann

Warum tägliche Lesezeit die Bildungschancen unserer Kinder entscheidet!

Ein Viertel der Kinder kann nicht sicher lesen

Die aktuellen Studien schlagen Alarm – und das schon seit Jahren.
Die IGLU-Studie 2021 zeigt: Rund 25 % der Viertklässler:innen in Deutschland erreichen nicht den Mindeststandard im Lesen.
Das heißt: Ein Viertel der Kinder versteht einfache Texte nicht sicher, kann Zusammenhänge nicht herstellen und stolpert beim Lesen so sehr, dass der Inhalt kaum ankommt.

Und damit reden wir nicht über eine „schwache Note“ in Deutsch.
Wir reden über eine Fähigkeit, die über alle Fächer hinweg entscheidet, ob Kinder erfolgreich lernen können – oder dauerhaft frustriert sind.

Lesen ist kein Fach.
Lesen ist Infrastruktur.

Basale Lesefertigkeiten: Die Grundlage, die oft vergessen wird

Wenn wir von Lesekompetenz sprechen, denken viele sofort an Textverständnis.
Doch davor liegt eine ganze Welt an Vorläuferfähigkeiten, ohne die weiteres Lesen kaum möglich ist. Dazu gehören:

  • sichere Buchstaben-Laut-Zuordnung
  • das Synthesevermögen (Laute zu Silben und Wörtern verbinden)
  • erste automatisierte Worterkennung
  • Leseflüssigkeit – Lesen ohne langes Stocken
  • ein wachsender Grundwortschatz

Studien zeigen außerdem:

70 % der Kinder, die in Klasse 1 stark verlangsamtes Lesen zeigen, kämpfen auch in Klasse 8 noch damit.

Das bedeutet:
Wenn wir basale Lesefertigkeiten nicht systematisch aufbauen, bleiben Kinder jahrelang im Lesestruggle hängen.


Warum flüssiges Lesen entscheidend ist

Flüssiges Lesen ist mehr als Tempo.
Es ist der Moment, in dem Kinder nicht mehr über jeden Laut nachdenken müssen. Erst dann wird der Kopf frei für:

  • Verstehen
  • Ableiten
  • Mitdenken
  • Reflektieren
  • Lernen

Kinder, die beim Lesen stocken, können Inhalte nicht greifen.
Sie „lesen“ – aber sie verstehen nicht.
Und das merkt man später überall: in Mathe, Sachunterricht, LER, Englisch.


Was das Leseband löst – und wie

Immer mehr Studien zeigen, dass tägliche, strukturierte Lesezeit einen enormen Unterschied macht.
Das Leseband ist ein Konzept, das u. a. in Hamburg über Forschungsprojekte (z. B. BiSS) erfolgreich evaluiert wurde.

Kernidee:
20 Minuten tägliche Lesezeit, fest im Stundenplan verankert – keine Option, sondern ein Ritual.

Diese Zeit wird nicht „gefüllt“, sondern gezielt genutzt:

🔹 1. Tandemlesen

Ein stärkeres und ein schwächeres Kind lesen gemeinsam.
Der Lesefluss steigt schnell an – und Fehler werden früh erkannt.

🔹 2. Wiederholtes Lesen (Repeated Reading)

Kurze Texte mehrfach lesen – mit sichtbaren Erfolgserlebnissen.

🔹 3. Chorisches Lesen

Alle lesen gemeinsam laut – Sicherheit ohne Druck, perfekt für Prosodie.

🔹 4. Lesetheater

Flüssigkeit und Ausdruck in Kombination – motivierend und effektiv.

🔹 5. Kleingruppenförderung

Perfekt, um basale Fertigkeiten aufzubauen, z. B. Laut-Buchstaben-Zuordnung, Silbenarbeit, Kurztexte.


Diagnostik: Wo stehen die Kinder wirklich?

Ein Leseband wirkt stärker, wenn wir wissen, was jedes Kind braucht.
Dafür reichen einfache Diagnoseformen:

  • 1-Minuten-Lesungen (Wörter pro Minute erfassen)
  • kurze Beobachtungsbögen
  • Mini-Lesetests für basale Fertigkeiten
  • Einteilung in 3 Entwicklungsstufen:
    1. basales Lesen
    2. Leseflüssigkeit
    3. Textverständnis

Hamburg macht es mit dem neuen LIFT-Test vor – einer regelmäßigen Erfassung der basalen Lesefähigkeiten. Andere Bundesländer können sich davon inspirieren lassen.


Warum ein Leseband auch Lehrkräfte entlastet

Viele Lehrkräfte denken zunächst:
„Ich habe keine Zeit für noch mehr Programm.“

Doch in der Praxis passiert Folgendes:

  • Kinder werden im Fachunterricht sicherer.
  • Arbeitsblätter werden endlich verstanden.
  • Zeit für Erklärungen und Wiederholungen sinkt.
  • Unterrichtsruhe steigt, Frust sinkt.

Kurz gesagt:
Leseförderung spart langfristig Zeit.
Und Nerven.

Ein Leseband in Brandenburg? Absolut möglich!

Auch wenn es (noch) keine landesweite Regelung gibt, können Schulen in Brandenburg sofort starten:

  • klassenweise
  • jahrgangsbezogen
  • als Pilotprojekt
  • oder im eigenen Team

Entscheidend ist die Verbindlichkeit.
Denn Lesen funktioniert nicht „wenn Zeit ist“.
Lesen braucht Struktur.


Mein Fazit: Das Leseband ist ein kleiner Hebel mit riesiger Wirkung

Während Studien klar zeigen, dass die Lesekompetenzen sinken,
zeigt die Praxis genau so klar: Wir können gegensteuern.

Ein Leseband ist kein Trend.
Es ist eine bildungswirksame, niedrigschwellige und sofort umsetzbare Maßnahme,
die Kindern den Zugang zu erfolgreichem Lernen wieder ermöglicht.

Lesen rettet Chancen.
Und das Leseband hilft uns, jeden Tag daran zu arbeiten.

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Leseflüssigkeit trainieren in der Schulanfangsphase

Leseflüssigkeit trainieren. Materialpaket für Lautlese-Tandems – Niveaustufe B

Niveaustufe C

Niveaustufe D

2 Antworten zu „Lesekrise in Deutschland”.

  1. Liebe Jessica,

    vielen Dank für deinen Podcast und die Materialverlinkungen hier.
    Ich habe vor ein paar Wochen in meiner Klasse (3. Klasse in Hessen) mit dem Leseband begonnen. Nach einer Fortbildung und viel Fachliteratur stellte ich das Leseband im Kollegium vor und bin leider auf viel Widerstand gestoßen. Lediglich eine Kollegin und auch die Schulleitung waren überzeugt und testen gerade auch.
    Demnächst mache ich die nächste Diagnostik und ich bin selbst gespannt, wie sich die Leseleistung der Kinder verändert hat.
    Liebe Grüße, Maria

    1. Liebe Maria,

      Ich danke dir von Herzen für dein Feedback!
      Es ist großartig, dass du diesen Weg gehst – und die Ergebnisse werden beeindruckend sein. Es war mutig von dir, das Leseband im Kollegium vorzustellen. Dass dabei zuerst Widerstand kam, überrascht mich nicht. Aber du hast bereits zwei Kolleg:innen begeistert – und sogar die Schulleitung! Das ist ein riesiger Erfolg.

      Warte ab, bis die ersten sichtbaren Ergebnisse kommen. Dann werden immer mehr Kolleg:innen auf dich zukommen und fragen, wie du das geschafft hast. Bleib dran, vertrau dem Prozess und vor allem dir selbst. Es wird nicht immer leicht, aber die Zahlen sprechen für sich: Es muss sich etwas ändern – und du hast angefangen, diesen Wandel anzustoßen.

      Du hast an deiner Schule den ersten Schritt gemacht. Ich freue mich so sehr für dich und für deine SuS, denn für sie machst du den Unterschied. Man kann nicht alle sofort erreichen, aber du sorgst gerade dafür, dass rund 70 Kinder echte Förderung bekommen. Darauf kannst du wirklich stolz sein.
      Liebe Grüße
      Jessica

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